«Nur spielen?»

Von Julia Brassel und Silvia Groner, Logopädinnen 

«Nur spielen?» ist eine häufige Reaktion von Eltern, die ihre kleinen Kinder neu zu uns in die logopädische Frühtherapie bringen. Sie befürchten, dass ihr Kind nicht genug profitiert, wenn es bei uns spielt, anstatt Übungen zu machen. Wir weisen deshalb bereits in den ersten Gesprächen mit den Eltern auf die Bedeutung des Spiels für das Lernen hin. Wie die Bildungsforscherin Margrit Stamm schreibt, ist das Spiel «der Motor und das Herzstück des frühen Lernens» und «für die kindliche Entwicklung unabdingbar». Der logopädische Therapieansatz von Barbara Zollinger, Entwicklungspsychologische Sprachtherapie, nach dem wir mehrheitlich arbeiten, stellt das Spiel ins Zentrum. 

Handlungen und Sprachhandlungen 

Spielen ist Handeln und somit die Basis für Erfahrungen. Jedem neuen Wort, das ein kleines Kind abspeichert, liegt eine Erfahrung in der realen Welt zugrunde. Man denke an die leuchtenden Augen von Ines*, die im Spieltreff das Feuerwehrauto entdeckt und «Düü-daa!» ruft, nachdem sie am Vortag echte Feuerwehrautos vorbeifahren gesehen hat. In der logopädischen Therapie nutzen wir Erlebnisse im Spiel für den Wortschatzaufbau: Der 3-jährige Alan ist fasziniert von der Handpuppe Nili, die Knetwürstchen ausspuckt, statt sie zu essen. Indem er Nili immer neue Würstchen hinstreckt, fordert er Wiederholungen ein. Die Logopädin fragt jedes Mal: «Ausspucken?» Während Alan zu Beginn einfach nickt, übernimmt er mit der Zeit dieses Wort und sagt schon beim Hinstrecken «spucken!». Diese Erfahrung ist zentral für die Entdeckung der Sprache, die Entdeckung, was Kinder mit Wörtern bewirken können. 

Selbstwirksamkeit 

Indem Alan mit einem Wort unmittelbar die erwünschte Handlung auslöst, erlebt er sich als selbstwirksam. Vielen kleinen Kindern, die in die logopädische Therapie kommen, fehlt es an Selbstwirksamkeitsüberzeugungen bezüglich Kommunikation: Sie haben noch nicht entdeckt, was sie mit Sprache bewirken können, oder sie werden mit der Art und Weise, wie sie sprechen, nicht (gut) verstanden. Da Selbstwirksamkeit für die Entwicklung und die Lust am Lernen enorm wichtig ist, ermöglichen wir den Kindern in der Therapie solche Selbstwirksamkeitserfahrungen, die wir dann sprachlich begleiten. 

Tun als ob 

Ein wichtiger Schritt in der Spielentwicklung ist jener vom funktionalen Spiel in die Vorstellungs- oder Symbolwelt. Indem mehr Vorstellungen im Sinne von «tun als ob» ins Spiel kommen, werden Gegenstände nicht mehr bloss erkundet und ihrer Funktion entsprechend behandelt – sie werden «belebt» und können umgedeutet werden. So wird beispielsweise ein Holzklotz als Telefon benutzt, wenn ein Kind kein solches zur Hand hat. Beim Baden der Puppe schmiert Leo ihr nicht mehr nur lustvoll Schaum auf den Kopf. Wenn er die Symbolstufe erreicht hat, gibt er acht, dass sie keinen Schaum in die Augen bekommt, weil er sich vorstellt, sie sei ein lebendiges Wesen, welches dies nicht mag. An diesen gefestigten inneren Bildern können kleine Kinder gut Wörter festmachen, denn: Wer innere Bilder hat, hat einen Bezugspunkt für Wörter. Darum ist in der Frühtherapie ein wichtiges Ziel, die Kinder von ihren funktionalen Handlungen in eine immer flexiblere Vorstellungswelt zu führen.  

Strategien 

Unsere Aufgaben im freien Spiel sind vielfältig: Wir kommentieren, was passiert, und bieten uns als Sprachmodell an. Wir helfen, stützen und erweitern die Ideen der Kinder. Wir bringen uns als echtes Gegenüber ins Spiel ein und zeigen auf, wie verbales Verhandeln geht. So führen wir kleine Kinder im Spiel sorgfältig an kommunikative Strategien heran, die sie brauchen, um Sprache zu erwerben, um mit Sprache selbstwirksam zu sein und um mit anderen Kindern spielen zu können. 

*alle Kindernamen geändert